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http://www.tagesanzeiger.ch/ta/taZeitungRubrikArtikel?ArtId=96964&ausgabe=1452&archive=t Die Rückkehr der Mechanik
Im IBM-Forschungszentrum
in Rüschlikon arbeiten Forscher an neuartigen, nanomechanischen
Speichermethoden, deren Datendichte alles übertrifft, was heute möglich
ist. Von Andreas
Fischer Die
Mechanik gilt als überholt: Grob, langsam und unpräzise, wurde sie wo
immer möglich durch die Elektronik ersetzt. Doch das könnte sich ändern.
In einem ihrer ureigensten Bereiche, dem Speicherchip, stösst die
Elektronik an Grenzen, und die Mechanik macht ihre Rechte wieder geltend.
Zumindest auf der Ebene der Nanotechnologie, der Atome und Moleküle. Im
IBM-Forschungszentrum in Rüschlikon arbeiten Forscher an nanomechanischen
Speichermethoden, deren Speicherdichte weit über alles Bestehende
hinausgeht. Am Anfang war das Mikroskop
Am Anfang
stand das Rastertunnelmikroskop (RTM), für dessen Erfindung die IBM-Forscher
Heinrich Rohrer und Gerd Binnig 1986 den Nobelpreis erhielten. Das RTM ist
eigentlich ein mechanisches Verfahren. Wie ein Blinder mit dem Stock tastet
der Beobachter die Oberfläche eines Materials ab. Kommt die Spitze des
Stifts nahe genug an die Oberfläche, führt dies dazu, dass zwischen den
Atomen der Oberfläche und der Spitze ein so genannter Tunnelstrom zu
fliessen anfängt. Beim linearen Abtasten bildet der Computer auf Grund der
Stromschwankungen die atomare Oberflächenstruktur ab. Das kurz darauf
vorgestellte Rasterkraftmikroskop (RKM oder AFM, Atomic Force Microscope)
misst beim Tasten mit einer nur wenige Nanometer (Millionstel Millimeter)
breiten Sonde direkt die Kraft zwischen den Atomen. Schon bald
merkten Binnig und seine Kollegen, dass mit den Sondenmikroskopen mehr möglich
ist als Beobachten. Binnig: "Wir entdeckten, dass wir mit der Sonde
einzelne Teilchen bewegen konnten." Zu Beginn geschah dies noch unpräzise
und eher zufällig. Doch das blieb nicht lange so. Das macht Spass!
1990
schrieb Donald Eigler vom IBM Almaden Research Center in sein Tagebuch
"This is fun" und setzte ein dickes Ausrufezeichen dahinter. Was
ihm solchen Spass bereitete, war, dass es ihm gelungen war, einzelne Atome
so präzis zu platzieren, dass sie das IBM-Logo bildeten. Damit war das Tor
zur Manipulation von kleinsten Teilchen geöffnet, der Fantasie waren keine
Grenzen mehr gesetzt. Die Träume reichen von sich selber zusammenbauenden
Materialien bis zu winzigen, aus Molekülen aufgebauten Robotern. In Rüschlikon
blieb man nüchterner. Binnig: "Solche Vorstellungen entbehren sicher
nicht jeder Grundlage - mit allen Möglichkeiten und auch Ängsten, die sie
auslösen können. Aber wir sind noch lange nicht so weit." Doch es
gibt aber Anwendungen, die sich in absehbarer Zeit nutzen lassen. Löcher stanzen
Im IBM
Almaden Research Center war es gelungen, zuvor aufgebrachte "Löcher"
im Nanobereich mit einem AFM-Fühler abzutasten. Das Ganze war vergleichbar
mit einer CD-ROM, nur eben im Bereich von Nanometern und entsprechend grösserer
Datendichte. Die Lesegeschwindigkeit allerdings liess zu wünschen übrig.
Dennoch schien der Ansatz viel versprechend, werden sich doch die heutigen,
mikroelektronischen Systeme bald nicht mehr dichter bepacken lassen. Um die
Schreib- und Lesegeschwindigkeit zu verbessern, setzten die Forscher in Rüschlikon
auf die parallele Verarbeitung. Peter Vettiger, Leiter der Gruppe für Mikro-
und Nanomechanik, und sein Team bauten ein Gerät mit 1024 Sondenspitzen auf
einer Fläche von 3 x 3 mm. Damit konnten viele Spitzen gleichzeitig die
ihnen zugeordneten Teilflächen abtasten. Der Datendurchsatz steigt auf
diese Weise auf hundert Megabit pro Sekunde. Ausserdem lässt sich das
Speichermedium durch Erhitzen löschen und erneut beschreiben. Tausendfüssler
Die
Forscher nannten das Ding Millipede - Tausendfüssler. Vettiger: "Wir
haben den Beweis erbracht, dass es funktioniert. Unser Millipede ermöglicht,
Daten rund zehnmal dichter zu packen als mit herkömmlichen Methoden."
Und für eine künftige, industrielle Verwertung genau- so wichtig:
Vettigers Team konnte zeigen, dass der Millipede wie mikroelektronische
Chips im Batch-Verfahren auf einen Silizium-Wafer hergestellt werden kann.
Vettiger ist stolz darauf, dass das Verfahren in seinem Labor entwickelt
wurde. In rund zwei Jahren, schätzt er, wird ein Prototyp für die
industrielle Herstellung fertig sein: "Wir müssen noch genau
feststellen, wie sich Umwelteinflüsse wie Vibrationen oder
Temperaturschwankungen auswirken und wie oft das Medium beschrieben und
gelesen werden kann." Bis es so weit ist, will Vettiger weitermachen,
denn er ist überzeugt: "Wer eine Sache entwickelt hat, sollte so lange
wie möglich daranbleiben." Die Nanomechanik, so Vettiger, wird die Mikroelektronik zwar nicht ersetzen, aber ergänzen. Genau wie Radio und TV die Zeitung nicht verdrängten, ihr aber bestimmte Aufgaben zuwiesen. Das Einsatzgebiet für den Millipede sieht er vor allem bei mobilen Geräten. In Handys oder Uhren könnten problemlos einige Gigabyte gespeichert werden. Vettiger ist sicher, eine zukunftsträchtige Speichermethode gefunden zu haben, selbst wenn die Investitionen sowohl der Hersteller wie der Kunden eine Ablösung der herkömmlichen Technologien möglicherweise noch einige Zeit verzögern werden. "Feenstaub" für
Festplatten
In nur
zwei Jahren soll es Festplatten mit einem Speicherplatz von 400 Gigabytes für
den Heimcomputer geben, für Notebooks solche mit 100 Gigabytes. Diese
Prognose wagte IBM nach einem Durchbruch bei der Entwicklung neuer
Massenspeicher in seinem Forschungszentrum im kalifornischen San Jose.
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