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NZZ Monatsarchiv
Neue Zürcher Zeitung WIRTSCHAFT Mittwoch,
07.06.2000 Nr.131 25
Neue Wirtschaftsförderer in der Westschweiz
Dobler und Zurkinden treten zurück
Neuenburg/Freiburg, 6. Juni. (sda)
An der Spitze der Wirtschaftsförderung zweier Westschweizer Kantone
ist es zu einem Wechsel gekommen. Pierre Comte löst auf den 1. Januar
2001 den Neuenburger Chef der Wirtschaftsförderung, Karl Dobler, ab.
Auch Rudolf Zurkinden, Direktor der freiburgischen Wirtschaftsförderung,
tritt zurück.
Der 67-jährige Appenzeller Karl
Dobler gilt als Vater der Neuenburger Wirtschaftsförderung. Doblers
Nachfolger, der 52-jährige Pierre Comte, leitet zurzeit bei DePuy
France in Lyon die Abteilung Verkauf, Marketing, Forschung und
Entwicklung. Bevor er für die Tochter von Johnson & Johnson
arbeitete, war Comte für Sulzer Medica tätig. So leitete er von
1988 bis 1991 die inzwischen geschlossene Intermedics in Le Locle.
Comte hat an seinem Geburtsort Le Locle eine Uhrmacherlehre
absolviert. An der Universität Neuenburg studierte er dann
Mikrotechnik. Laut dem neuenburgischen Volkswirtschaftsminister
Francis Matthey hat der Kanton mit Comte einen Biotech-Profi
gefunden. Dieser Bereich sei sehr wichtig in der gegenwärtigen
Wirtschaftsförderung, sagte Matthey an einer Pressekonferenz.
Noch kein Nachfolger gefunden ist für
Rudolf Zurkinden. Der 44-Jährige tritt nach acht Jahren als
Direktor der freiburgischen Wirtschaftsförderung zurück. Zurkinden
war seit 1985 für das Amt tätig. 1988 wurde er Vizedirektor, bis
er nach der Wahl Michel Pittets in den Staatsrat die Leitung übernahm.
(Weiterer Bericht auf Seite 72)
NZZ Monatsarchiv
Neue Zürcher Zeitung FERNSEHEN Mittwoch,
07.06.2000 Nr.131 72
Blick auf den Bildschirm
Der Appenzeller und sein Neuenburger Silicon
Valley
fg. Am Anfang sprach eigentlich alles
gegen den katholischen Appenzeller im protestantischen Neuenburg.
Dennoch verkörpert Karl Dobler inzwischen für viele die
Neuenburger Wirtschaftsförderung schlechthin. Kurz vor seinem Rücktritt
stellte nun auch das Fernsehen DRS in einem Beitrag von Bruno
Bossart für die Rubrik «Dok» die erstaunliche Karriere eines
Mannes ins Rampenlicht, der in Fachkreisen gemeinhin als kompetent
gilt, aber wegen seiner teilweise grosszügigen Fördermassnahmen
durchaus nicht immer unumstritten ist. Weithin anerkannt werden
dagegen die neuen Ideen und die forsche Gangart, mit denen «Monsieur
Economie» in den letzten gut zwanzig Jahren an einem regionalen
Kompetenzzentrum Neuenburg mitgebaut hat. So ist im Kanton
herangewachsen, wovon Technologieförderer, Risikokapitalgeber und
Wirtschaftspolitiker gleichermassen träumen: ein Silicon Valley
neuenburgischen Zuschnitts mit Ausbildungsstätten, Forschungslabors
und Pionierunternehmen, in dem die Experten und mit ihnen ihre Ideen
frei wandern.
Auslöser dieser Entwicklung war die
verhängnisvolle Uhren-Monokultur. Verursacht durch die Konkurrenz
der elektronischen Uhr aus Japan, fegte die Uhrenkrise der siebziger
Jahre in Neuenburg 15 000 Stellen weg - rund einen Drittel der
industriellen und einen Fünftel aller Arbeitsplätze. Danach kam
ganz Neuenburg, das in einer tiefen Depression versunken war und als
wirtschaftlich bedrohter Landesteil galt, in den Genuss der «Lex
Bonny». Zusätzlich erhielt das Hochland, darunter die Uhrenstädte
La Chaux- de-Fonds und Le Locle, finanzielle Unterstützung auf
Grund des Bundesgesetzes über die Investitionshilfe für
Berggebiete (IHG). Und auch der Kanton selbst schwenkte auf eine
aktive Förderungspolitik um, indem er 1978 ein kantonales
Wirtschaftsförderungsgesetz erliess. Kurz darauf trat der
promovierte Wirtschaftsjurist Dobler, der zuvor ein lukratives
Angebot als Manager in Paris ausgeschlagen hatte, seinen Job als
erster Wirtschaftsförderer der Schweiz in Neuenburg an.
Seither hat er als Berater von seinem
«Checkpoint Charlie» in der Neuenburger Altstadt aus zusammen mit
seinem Team und dem zuständigen Amt für Wirtschaftsförderung
nahezu 400 Unternehmen, darunter über 150 ausländische, im Kanton
angesiedelt. Unterstützt wurden diese Firmen mit öffentlichen
Geldern in Höhe von gegen 80 Millionen Franken. Mit diesen
Finanzhilfen wurden wiederum Investitionen im Gegenwert von fast 2
Milliarden Franken ausgelöst und rund 6000 Arbeitsplätze
geschaffen. Trotz - oder teilweise wohl auch gerade wegen - der
staatlichen Krücken verharrt das Volkseinkommen pro Kopf der
Neuenburger Bevölkerung jedoch weiterhin unter dem schweizerischen
Durchschnitt.
Der Kanton ködert expansionswillige
Unternehmen namentlich mit einem auf zehn Jahre gewährten Erlass
der Gewinnsteuer sowie Kreditgarantien und Bürgschaften bis zu
einem Drittel der Investitionskosten. Mindestens so überzeugend
scheinen jedoch auch die massgeschneiderten Dienstleistungspakete,
die von der Bereitstellung des geeigneten Firmengeländes über die
Hilfe bei der Suche von Wohnungen und Schulen bis zur speditiven
Bearbeitung von Bewilligungen reichen. Angesichts solch aggressiver
Anreize, die auch in anderen Kantonen durchaus üblich sind, stellt
sich indessen die Frage, wieweit die Standortförderung Ausdruck
eines gesunden regionalen Konkurrenzkampfs oder
wettbewerbsverzerrende Subventionierung einzelner Branchen ist.
Zweifellos hat der 67-jährige
Wirbelwind Dobler hohen Anteil am grossen Aufschwung im kleinen
Kanton. Der engagierte Berater mit Büros in den USA, in Asien und
in Europa landete seinen ersten Coup mit dem Zuzug der
amerikanischen Silicon Graphics, des weltweit führenden Herstellers
dreidimensionaler Computervisualisierung. Auf deren Fuss folgten
weitere Branchenleader der internationalen High-Tech-Szene wie
Quantum, Quark und Autodesk, aber auch klingende Namen der «Old
Economy» wie Johnson & Johnson, Bulgari oder der
Kosmetikkonzern Mary Kay. Was mit der Mikrotechnik begann, weitete
sich zusehends aus auf Schwerpunkte in der Medizinaltechnik, der
Kosmetik und der Luxuswaren. Für die Randregion entschieden sich
die meisten dieser Unternehmen wegen der aus der Uhrenindustrie und
der Feinmechanik stammenden technischen Fachkräfte, der Zugkraft
eines «Swiss Label», der hohen Lebensqualität - oder der Charme-Offensive
des hartnäckigen Pioniers der schweizerischen Standortpromotion.
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