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NZZ Tagesausgabe

Neue Zürcher Zeitung INLAND Dienstag, 18.07.2000 Nr.165   12

Ein Pionier der Wirtschaftsdiplomatie

Zum Hinschied von Gérard Bauer

Mit Minister Gérard F. Bauer ist im Alter von 93 Jahren ein Pionier der schweizerischen Wirtschaftsdiplomatie abberufen worden (vgl. NZZ 14. 7. 00). Der Neuenburger Jurist Bauer hat dem Gemeinwesen auf vielfältige Weise gedient, sowohl in öffentlichen Funktionen als auch in solchen der privaten Wirtschaft und ihrer Organisationen. Der Bestimmung der Schweiz im Nachkriegs-Europa galten sein Denken und sein Handeln seit den frühen Zeiten des Marshallplans (und der aus diesem entstandenen OEEC, der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit) bis zu seinen späten Lebensjahren. Sinn für Mass, für das unserem Staatswesen Gemässe traten dabei neben einem weltoffenen Geist hervor.

Schon in den dreissiger Jahren folgte Bauer einem charakteristischen Weg mit Etappen in einer Anwaltskanzlei, beim Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement und beim Sekretariat des Vororts, des wirtschaftlichen Spitzenverbandes. Eine politische Phase in der Exekutive der Stadt Neuenburg schloss sich an. Die wirtschaftsdiplomatische Tätigkeit begann 1945 bei der Gesandtschaft in Paris. Dort wurde Bauer dann an die Spitze der schweizerischen Delegation bei der 1948 gegründeten OEEC (der späteren OECD) berufen; zudem leitete er die Vertretung bei der 1952 geschaffenen Montanunion. In die Wirtschaft kehrte er 1958 als Präsident des Dachverbandes der Uhrenindustrie, der Fédération horlogère, zurück. Mit der Wirtschaftsdiplomatie verwandt war ferner sein Vorsitz der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung. Unternehmerische, kulturelle und wissenschaftspolitische Aufgaben kamen hinzu. So trug Bauer in den achtziger Jahren im Bewusstsein der Tragweite der Hochtechnologie unter anderem zur Schaffung des Centre suisse d'électronique et de microtechnique bei.

Mit publizistischem Wirken, in kleinen Gesprächskreisen und in persönlichen Kontakten nahm Gérard Bauer bis in die jüngste Zeit an der politischen Meinungsbildung teil. Seine Aufsätze und seine Vorträge fielen durch analytische Gedankenführung und Formulierung von ungewöhnlicher Sorgfalt, von oft geradezu mathematischer Präzision auf. In europapolitischer Hinsicht bewahrte ihn seine - stark in den Eigenarten der Schweiz wurzelnde - Skepsis gegenüber dem Konzept der Supranationalität davor, zu den «Turbos» zu zählen. Seine Haltung wurde offenkundig mitbestimmt durch seine seinerzeitigen Erfahrungen bei der OEEC mit ihren subtilen Konsensverfahren. Auf subtile Art mit seinen jeweiligen Partnern Übereinstimmung zu finden, gehörte auch zu seinen persönlichen Verhaltensmustern.

Willy Zeller

In Memoriam

 

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